Historische Radios - Eine Chronik in Wort und Bild
Blaupunkt (Ideal)
Firmengeschichte

Seit 1919 gab es in Berlin die „Übersee-Handels-GmbH“, welche vor allem Südamerika-Geschäfte tätigte. Herr Voelk verdiente an Patenten und handelte mit allem, was Gewinne versprach; zum Beispiel auch mit Kurzwaren (Schlüpfer) und Kopfhörern, die von der Berliner Firma Dauernheim bezogen und – mit einem grünen Punkt versehen – exportiert wurden (der grüne Punkt diente damals noch nicht als Entsorgungs-Symbol). Das war 1922.

Im November 1923 folgte die Gründung der „Ideal-Radiotelefon- & Apparatefabrik GmbH“. Dieses neue Berliner Unternehmen begann mit der Fertigung von Aufsteck-Detektoren unter Verwendung des von der Muttergesellschaft importierten „Tungstalite-Superkristalls“ und offerierte 1924 die komplette Detektor-Empfangsstation Ideal St. Nr. 44, die durch ein Zusatz-Verstärkergerät für eine „Lampe“ sowie durch das Hörschaltbrett Ideal Nr. 99 ergänzt werden konnte.

„Idealit A und B“ nannten die Hersteller ihre Kristalle und die damit bestückten Detektor-Modelle hießen Blaupunkt, Rotstern, Grünkreuz, Ideal und Idealit. Auch Kopfhörer (unter denen es noch einen Weisskreuz gab) und Lautsprecher erhielten diese Namen. 1926 wurden sie im In- und Ausland in großen Stückzahlen verkauft.

Alle Empfängertypen wurden Ideal genannt. 1926 gab es noch den „alten“ Detektorempfänger E I und die neuen E III und E IV. Ein E II fehlte, an dessen Stelle brachte das Ideal-Werk seinen ersten röhrenbestückten Empfänger DR I („D“ für Detektor und „R“ für Röhre) auf den Markt. „Kombinierter Primär-Detektor- und Audion-Kopplungs-Allwellenempfänger“ stand im Katalog. Das Gerät konnte mit zwei Multidyn-Spulen bestückt werden. Je eine dieser Spulen steckte auch auf den Detektor-Modellen E III und E IV.

Ende 1926 verschmolzen die beiden Gesellschafter A. Daeschner und O. Voelk die Stammfirma „Überseehandel GmbH“ mit der „Ideal-Radiotelefon & Apparatefabrik GmbH“ zur Firma „Ideal-Werke, Gesellschaft für drahtlose Telefonie mbH“. 1927 erfolgte die Umwandlung in eine AG.

Bei den Erzeugnissen trat der Name „Ideal“ in den Hintergrund. „Blaupunkt“ nannte man nun die „Lautsprechergeräte“ mit drei Röhren, in welchen zwar kein Lautsprecher eingebaut war, die aber mit einem solchen betrieben werden konnten. Das waren die Typen Ampladyn und Multidyn. Eine Typennummer hatten diese Geräte (das fünfte und sechste) nicht, aber die Modelle von 1928 hießen Blaupunkt VII und Blaupunkt VIII.

Bis hierher war das Blaupunkt-Programm leicht überschaubar. Im Grunde waren es billige, mit Widerstandskopplung aufgebaute Gerätchen.

Attraktiv und für den Sammler begehrenswert werden sie erst durch die aufgesteckten Multidyn-Spulen und (spez. bei Type VII) durch die „blauen“ Röhren mit den wohlklingenden Namen Ampladyn, Heliodyn und Superdyn. Sie stammten aus der letzten Huth-Röhrenfabrikation – die silbern blinkenden Nachfolgetypen gleichen Namens wurden dann im Osram-Werk gefertigt. Heute ist jede „Blaue“ eine Rarität.

1928 gab es bei Ideal u.a. auch schon die Type NR 2, ein Zweiröhrennetzanschlußgerät mit eingebautem Lautsprecher, das mit unterschiedlicher Röhrenbestückung und abweichender Schaltungstechnik auf den Markt kam. Gleichzeitig erschien das Modell NR 3.

Sogenannte „Hochleistungsempfänger“ konnte man bei Blaupunkt erst in den Dreißigern finden, zaghaft beginnend mit dem Zweikreiser NS 4 von 1929. Bemerkenswert waren die Kofferempfänger KS 5 und TS 5 von 1929 und 1930, aber unter den Heimgeräten lagen die Ideal-Werke noch zurück; sie hatten 1932 noch keinen Heim-Superhet im Programm, dagegen wurde diesem Jahr der erste Blaupunkt-Autosuper vorgestellt. 1933 holte das Ideal-Werk auch bei den Geräten für's Heim auf, brachte den Super 4 auf den Markt und glänzte 1934 mit dem Modell 4 W 9.

Von da ab zählte Blaupunkt zu den beliebtesten Markenfabrikaten, auch dank des soliden Aufbaus und der überdurchschnittlichen Gehäusegestaltung. 1935 löste das aufstrebende Unternehmen gar Saba als Marktführer der „Bauerlaubnisnehmer“ ab. Vorkriegs-Höhepunkte unter den Blaupunkt-Geräten waren die Luxus-Großsuper 11 W 78 und 11 W 79, für die es schon eine Fernbedienung gab.

Seit 1933 ist die Ideal-Werke-Aktiengesellschaft ein offizielles Bosch-Tochterunternehmen. Tatsächlich aber war sie indirekt schon 1930/31 im Besitz des Stuttgarter Automobilzubehör-Fabrikanten.

Robert Bosch fürchtete damals den Verlust der Telefunken-Bauerlaubnis, die aufgrund der Bauverträge bei Unternehmens-Veräußerungen ungültig werden konnte. Über dunkle Kanäle – Bosch schob eine ihm nahestehende, weniger bedeutende (Tarn-)Firma vor – erfolgte der Einstieg bei Ideal, der erst zwei Jahre später legalisiert wurde.

Als 1938 eine Kapitalerhöhung vorgenommen wurde, machte man aus der AG wieder eine GmbH und nannte sie – nach dem seit 1924 geschützten Markennamen – „Blaupunkt-Werke GmbH“.

Nicht nur in den späten Dreißigern stellte die fortschrittlich produzierende Radiofabrik Luxusgeräte her. Sie war auch eine der ersten Firmen, die unmittelbar nach dem Krieg (weil in mehreren Besatzungszonen produziert wurde) mit einer großen Modellzahl auf den Markt kam. Zunächst nur mit Primitivgeräten, aber schon 1949 gab es wieder eine sündhaft teure Blaupunkt Neun-Röhren-Raumton-Musiktruhe.

Interessant ist auch der Großsuper London von 1953, dem die vom Autosuper her bekannte „Omnimat-Wählautomatik“ einverleibt wurde.

KFZ-Empfänger waren schon in der Vorkriegszeit ein besonderes Anliegen der Bosch-Tochter. Bereits auf der Funkausstellung 1932 konnten die Automobilisten den Fünfröhren-Autosuper Type AS 5 bestaunen, aber man kämpfte bei den ersten Modellen mit technischen Schwierigkeiten. Die waren auch 1935 noch nicht überwunden, als die Type 4 A 75 (neben den Autosupern von Körting, Mende und Telefunken) in wenigen Katalogen zu finden war. Anstelle rotierender Umformer verwendete man jetzt Zerhacker, die für Ausfälle und Störstrahlungen verantwortlich waren. Auch die 1936 etwas verbesserte Type 5 A 76 kam noch nicht in die WDRG-Kataloge, erst 1938 gelang der Durchbruch mit dem 7 A 78.

Ab 1950 zählte Blaupunkt zu den Spitzenproduzenten dieser Spezies, die noch mehr zum Schwerpunkt wurde, als das Unternehmen 1952 seinen Firmensitz von Berlin nach Hildesheim verlegte. Noch laufen jährlich ca. 4 Millionen Autoradios mit dem „blauen Punkt“ über die Fertigungsbänder der Betriebe in Hildesheim, Malaysia und Portugal.

Aufgrund einer 1985 getroffenen Vereinbarung hat Blaupunkt die industrielle Führung der bisherigen Grundig-Autoradiofertigung in Portugal übernommen und beliefert von dort aus auch Grundig.

Wenn auch seit Ende der Siebziger in Hildesheim und den Zweigbetrieben keine Empfänger fürs Heim mehr gebaut werden, ist doch zu hoffen, daß uns wenigstens noch Blaupunkt-Autoradios erhalten bleiben und Bosch diese zeitweise unrentable Fertigung nicht irgendwann abstößt. Zu dieser Hoffnung berechtigt die Weiterentwicklung moderner Verkehrs-Leitsysteme.

Beim Sammler sind die frühen Blaupunkt- bzw. Ideal-Erzeugnisse besonders beliebt. Mit etwas Glück kann er noch einen Aufsteck-Detektor bekommen; die Detektorapparate selbst sind ebensolche Raritäten, wie etwa das erste Röhrengerät DR 1.

Spätere Röhrenradios sind nicht mehr ganz so selten, aber noch immer sehr gefragt. Blaupunkt-Modelle von 1930 bis 33 werden hin und wieder angeboten. Sie sind nicht mehr oder weniger gesucht, als andere Durchschnittsgeräte dieser Jahrgänge. Nur der LW/LG 2000 (1932) fiel aus dem Rahmen. Er steckte in einem Bakelit-Gehäuse, dessen Gestaltung seiner Zeit weit voraus war. Querformate mit untenliegenden Langfeldskalen fand man erst in der zweiten Hälfte der Dreißiger und in den vierziger Jahren. Das Modell verkaufte sich schlecht – es war einfach zu früh auf den Markt gekommen.

1934 stieß die moderne Linie schon eher auf Interesse. Außer der schon zuvor erwähnten Type 4 W 9 (schwarz oder Edelholz-furniert) zählte 1935 der 4 W 95 zu den neuen Kreationen mit der „Litfaß-Säulen“-Skala. Ihm ähnlich war noch der 5 W 86 von 1936 und der sehr seltene und deshalb besonders gesuchte 7 W 86.

In größeren Stückzahlen produziert, aber auch ausnehmend schön ist der Siebenkreiser 4 W 76 (mit gewölbtem Skalenglas und Abdeck-Klappe) – es gab ihn auch als Standgerät. Die Vorstufen-Spitzensuper mit der Schwenk-Skala 7 W 77, 9 W 78, 11 W 78 und 11 W 79 waren zwischen 1937 und 1939/40 im Programm. Es gibt Sammler, welche die Drucktastensuper 7 W 79 D und 8 W 79 von 1939/40 noch schöner finden.

Der „Koffersammler“ sucht nicht nur die Modelle von 1929 bis 31, er schätzt auch den 6 BW 69 von 1939, der an einen 6- bzw. 12-Volt-Akku oder ans Wechselstromnetz angeschlossen werden konnte.

Als Raritäten gelten heute auch schon die ersten Blaupunkt-Nachkriegsprodukte von 1945, die in drei Versionen erschienenen Detektorapparate. Und auch die primitiven Röhrengeräte V 15, LV 15, LV 16 und LV 17 sind gesucht. Die Raumton-Musiktruhe 9 W 748 (1949) oder auch die nachfolgende T 2650 W (1950 kostete sie 2650 DM) wäre sicher ein Platzproblem, wenn man sie überhaupt noch bekommen könnte.

Sammler von „Letztfertigungen“ sind bei Blaupunkt verunsichert. Aber nicht nur bei Blaupunkt! Im Verlauf langwieriger Recherchen gelangte der Autor zu der betrüblichen Erkenntnis, daß aufgrund weggeworfener Dokumentationen und häufigen Personalwechsels in den Firmenleitungen oft unzutreffende Auskünfte über Letztfertigungen erteilt werden. Man ist nicht mehr in der Lage zwischen den Bereichen „Hörfunk“ und „Fernsehen“ zu differenzieren. Die Veteranen eines aufgelösten norddeutschen Rundfunkwerks gerieten sich fast in die Haare, als es um die Datierung der ausgelaufenen Radioproduktion ging.

Blaupunkt nennt für diese Sparte das Jahr 1972. Dies mag die Wendemarke sein, wo die Produktion von Heimgeräten zurückgefahren wurde, der Schlußpunkt war es nicht. Weiterhin konnte man Radios dieser Marke kaufen (bis 1974 auch solche aus dem früheren Akkord-Werk Landau) und 1978 kamen überraschend neu konstruierte Blaupunkt-Digita-Kombinationen in die Kataloge. Die Fertigung wurde zum Verlustgeschäft und auch gleich wieder eingestellt. Doch zum endgültigen Aus führte auch diese bittere Pille nicht, zumindest was die Entwicklung betrifft.

1980 gab es nochmals ein HiFi-System mit Infrarot-Fernbedienung. Das setzte sich aus dem Digital Synthesizer Tuner XT-240 und weiteren HiFi-Komponenten zusammen. Konstruiert wurde die Geräte von Blaupunkt, gebaut aber im Südfunkwerk Waiblingen bei Stuttgart.

Wie man sieht – so eindeutig ist die Frage nach „Letztfertigungen“ nicht immer zu beantworten.