Historische Radios - Eine Chronik in Wort und Bild
Bergstein
Firmengeschichte

1924 ging der heute 93-jährige Albert Schulte nach Staßfurt und bekam im dortigen Rundfunkwerk, in dem schon sein älterer Bruder Josef tätig war, den ersten Kontakt zum Radio. Weil er im Zweiten Weltkrieg als Spezialist für die in Staßfurt entwickelten Kleinfunkgeräte galt, flüchtete Albert Schulte nach Kriegsende in den Westen, um einer drohenden Deportation nach Rußland zu entgehen.

Im früheren Heimatort Attendorf/Westfalen wickelten die Brüder Josef und Albert Schulte Spulensätze und fertigten verschiedene Empfänger. Das Prunkstück war der (nur in wenigen Exemplaren gebaute) Illux-Musikschrank M 3 mit Fernbedienung. Und eine Spezialität: das Fernbedienungszusatzgerät Telemann 3 (mit ECH 11), das „jeden alten Geradeausempfänger zu einem Superhet macht“.

Der Firmennamen lautete: „Josef Schulte, Ob.-Ing. (früher bei Staßfurter Rundfunk), Werkstätten für Rundfunk- u. Elektrotechnik, Attendorn (Westf.)“, er überlebte die Firma Bergstein um etwa 20 Jahre.

1950 waren die Herren Jungbecker und Wiedersprecher aus Olpe bzw. Erndtebrück auf die Schultes aufmerksam geworden. Wiedersprecher fertigte Röhrensockel und andere Einzelteile und wollte groß ins Radiogeschäft einsteigen. Geld sei vorhanden – hieß es anfangs – aber als es dann zur Gründung der „Bergstein-Apparatebau-GmbH“ in Erndtebrück/Westfalen kam, überließ man die Finanzierungsfrage den drei beteiligten Schulte-Brüdern; sie bürgten für den Zwanzigtausendmark-Bankkredit.

Die Produktion begann hoffnungsvoll, „mit ca. 45 Mitarbeitern werden täglich etwa 30 Geräte gefertigt“, berichtete die „Westfalenpost“. Bergstein präsentierte den neuen Siebenkreis-(Groß)-Super W/GW 72, der schon im VERG-Katalog 1950/51 stand, auf Messen in Erndtebrück und Düsseldorf.

Nicht lange währte die Freude am neuen Unternehmen, schon nach Fertigung der ersten 2000 Geräte waren die flüssigen Mittel zu Ende. Den Zusammenbruch schildert Albert Schulte wie folgt: „Es hätte investiert werden müssen, aber Jungbecker und Wiedersprecher hatten nichts. Man hatte uns betrogen. Von heute auf morgen war kein Geld mehr da – wir mußten Vergleich anmelden. Sogar unsere Möbel, die mühselig über die Grenze gebracht worden waren, sollten gepfändet werden“. Wiedersprecher ging es nicht besser, auch seine Firma war 1951 pleite.

Aus Resten der Bergstein-Produktion komplettierte Gottfried Säurig die letzten Wittgensteiner Radios, sie landeten in Arnsberg. Der Leiter der dortigen Bezirksdirektion der Vereinigten Elektrizitätswerke Westfalen-Dortmund hatte die Geräte billig aufgekauft, um sie den dortigen Mitarbeitern ebenso preiswert zukommen zu lassen.

Wo einst Bergstein-Radios gefertigt wurden, kann man heute Schnitzel und Bier vom Faß bekommen – im (leicht veränderten) „Bernstein-Stübchen“ in Erndtebrück/Westfalen.