Historische Radios - Eine Chronik in Wort und Bild
Becker
Firmengeschichte

Es war nichts Außergewöhnliches, wenn sich 1945 ein Rundfunktechniker zum Aufbau einer selbständigen Existenz entschloß. Tausend und mehr taten das im Nachkriegs-Deutschland. Und es war auch durchaus keine Seltenheit, wenn solch ein Fachmann sich anschickte, ein Autoradio zu entwickeln, das er dann in Serie bauen wollte.

Nicht nur die bekannten Vorkriegsmarken wie Blaupunkt, Hagenuk, Loewe, Lorenz, Philips, Seibt, Siemens und Telefunken kamen Ende der 40er mit Autoradios auf den Markt. Viele neue wie Anders & Co. KG, Elaphon Knappe KG, Elcophon, Fahnenschreiber, Gareis & Co., Limley & Co., Magnophon, Marock KG., Münchner Rundfunkgerätebau, Rada-Rundfunkgerätebau GmbH, Rohde & Schwarz bzw. Meßgerätebau GmbH (ESA), Schako F. Schad, Teladi, Terraphon, Wandel & Goltermann, Wilton-Radio und noch weitere suchten ihr Heil im Autoradio.

Auch Max Egon Becker war unter diesen Anbietern, von denen doch dreiviertel keine Lebenschance hatten. Und wenn sich dann so ein Neuling anmaßte, in punkto Technik alle anderen – auch die Altbekannten mit langjährigen Fabrikationserfahrungen – zu übertrumpfen, dann mußte man sich fragen, ob der Betreffende genial oder eher naiv sei.

Becker und seine ersten Erzeugnisse bewiesen jedoch, daß so ein Senkrechtstart möglich war. Von langer Hand vorbereitet, konnte zum Jahresende 1949 der erste serienmäßig hergestellte Typ AS 49 zur Bewährungsprobe auf die Straße geschickt werden.

Bereits 1950/51 durfte sich das Pforzheimer Fabrikat seines guten Rufes als „Mercedes unter den Autoradios“ erfreuen. Von Solitude bis Mexico – Daimler Benz baute nur den „Becker“ in ihre Nobelkarossen ein.

Was wohl, könnte man scherzhaft fragen, hatten der Papst und Adenauer noch gemeinsam? Das Becker-Radio im Auto.

Aber auch die „Käfer-Fahrer“ wurden nicht vergessen. Die Spezialisten vom Rande des Schwarzwaldes, die dann ein neues Werk in Karlsbad-Ittersbach erstellten, bauten für alle Autos das passende Modell.

Avus, Monza, Solitude, Schauinsland und Nürburg hießen die 1951er-Geräte. Becker verstand es nicht nur, erstklassige Autoradios zu bauen, er war auch ein aktiver Freund des Rennsports.

1953 glänzte die Firma mit dem Mexico. Unter den Autosupern der Welt war es der erste mit automatischem Sendersuchlauf. „Man soll in den nächsten Jahren beim Wettbewerb der besten Autoradios den Mexico nicht mehr zulassen“, schrieb die Frankfurter Allgemeine am 20. Januar 1954, „er ist einfach zu überlegen.“

Der Transistor kam vor allem den Autoradios und ihren Herstellern zugute. So klein konnten die Geräte jetzt werden, daß in dem dafür vorgesehenen Platz sogar noch Raum für ein Kassettengerät blieb. Becker lieferte es 1969 in „Stereo“. Zehn Jahre später suchte man am mikroprozessor-gesteuerten „Mexico electronic“ vergeblich nach Drehknöpfchen und die Senderfrequenz erschien im Display.

Anstelle der Kassette präsentierten die Techniker aus Karlsbad 1987 die Compact Disc im Autoradio. Becker war immer vorn – in der Technik und im Preisgefüge. Kein Wunder, die teils in kleineren Serien aufgelegten Geräte wurden schließlich mit deutschen Löhnen entwickelt und gebaut. Und wer nicht Wert darauf legte, unbedingt das Beste im Cockpit seines Autos zu haben und auch den vorbildlichen Kundendienst nicht entsprechend honorieren wollte, der konnte von einem Konkurrenzunternehmen auch ein sehr gutes Gerät erwerben, das unter deutscher Leitung in Portugal oder Malaysia preisgünstiger gefertigt wurde.

Beckers zweites Standbein wurde die Aviatik. Aber auch das Flugfunkwerk litt unter Turbulenzen. Und 1995, im Jahr des 50. Firmenjubiläums, in dem Becker-Autoradios noch immer auf dem Siegertreppchen der Weltbesten standen, stellte die Geschäftsleitung den Vergleichsantrag.

Max Egon Becker hatte den Abstieg nicht mehr erlebt, er war schon 1983 gestorben. Danach wurde der Betrieb von einem Vorgang überschattet, den man „Erbfolge“ nennt. 50% der Erben wünschten „Bares“ und so kam die Becker GmbH zu einem Schuldenberg, der sich schließlich auf 70 Millionen Mark anhäufte.

Roland Becker („unser Management hat geschlafen“) suchte vergeblich nach einem finanzstarken Partner und war de facto seinen Geldgebern ausgeliefert. Die setzten in die Becker-Geschäftsleitung einen Mann ihres Vertrauens, dem das Wohl seiner Auftraggeber mehr am Herzen lag als das der Becker-Autoradio-GmbH. Als dann Herr Lee Kun Hee von Samsung / Südkorea die Übernahmebereitschaft signalisierte, drängte die Bayerische Hypobank zum Verkauf.

51% wollte Roland Becker behalten, um die mehr als 1000 Arbeitsplätze zu sichern, aber der Hypobank war eine glänzende Bilanz des eigenen Hauses wichtiger als der Erhalt deutscher Industrie-Firmen. Und so kam es – als Becker nicht auf die Bedingungen seiner Verhandlungspartner eingehen wollte – zu dem verhängnisvollen Schritt.

Aus Industriellenkreisen vernahm man Erleichterung, daß es schließlich doch nicht die Koreaner waren, die sich die Übernahme mehrerer renommierter deutscher Betriebe – darunter Becker – zum Ziel gesetzt hatten.

Die Firma Harman International mit Hauptsitz in Washington machte das Rennen. Ende Februar 1995 erwarb sie das Unternehmen (ohne die Flugfunk GmbH, die im Besitz von Roland Becker verblieb). Sie will dafür Sorge tragen, daß die Autoradios der Nobelmarke (die von Mercedes, BMW und Porsche noch immer bevorzugt werden) auch künftig ihr weltweites Image bewahren.

Unwillkürlich denkt der Funkhistoriker an GTE bei Saba oder an GE bei Kuba, vielleicht auch an Gillette bei Braun – aber im Falle Becker stehen die Sterne günstiger.